Rainy Shanghai

Dienstag, 26.04.2016

你好!

Ich habe es geschafft. Ich schreibe tatsächlich mal wieder Blog. Nicht, dass ich in den letzten Wochen zu jeder Zeit beschäftigt war, aber zumindest meistens doch genug um den Blog wieder und wieder zu vernachlässigen. Und ja ein bisschen Faulheit, gehört wohl auch dazu. Vielleicht sogar ein bisschen mehr. Also dann will ich mal rekapitulieren, was sich in den letzten Wochen alles so ereignet hat:

Mit drei Worten: Es hat geregnet.

Ehrlich gesagt stimmt das nicht ganz, die Woche vor dem Qing-Ming Festival, das ist nunmehr vier Wochen her, war echt schön. Frühlingshafte Temperaturen, Sonnenschein, bisweilen sogar blauer Himmel. Und dann kam das Wochenende mit dem Qing-Ming Festival, dem Tomb-Sweeping Day, dem Tag an dem die Chinesen besonders ihren Verstorbenen gedenken. Viel davon habe ich nicht gemerkt, wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann habe ich bislang auch noch keinen einzigen Friedhof oder dergleichen gesehen, wo mir das vielleicht hätte auffallen können. Was jedoch augenscheinlich ist, dass es ein Feiertag ist. Das erkennt man ziemlich deutlich daran, dass ganz Shanghai auf einmal überbevölkert ist. Jeder Fleck, jedes Restaurant , jede Straße ist auf einmal untypisch vollgestopft, es wird sich überall hingedrängt, offizielle Plätze wie etwa der Bund oder der Volksplatz sind ganz zu meiden, da dort Festzelt-Zustände herrschen. Ich habe Qing-Ming entsprechend hauptsächlich zu Hause genossen, denn es hat geregnet und es war deutlich kälter als sonst. Was mir bereits von vielen Seiten vorher prophezeit wurde, denn (so wörtlich): „really interesting! Qingming is never good weather, it is always cloudy and rainy. Or too cold. Or sometimes too hot. But never nice weather. “ Naja zumindest hatten sie dieses Mal eindeutig recht, denn es war kalt und regnerisch. Was den Rest von Shanghai aber nicht im Mindesten gestört hat. Ich habe geschlafen, Weiqi gespielt, chinesisch gelernt und mit meinen Roommates gekocht. Tat richtig gut. Der Dienstag (Montag ist der eigentliche Qing-Ming Feiertag) war nochmal schön, aber danach begann es zu regnen. Und jetzt regnet es immer noch. Das Wetter ist hier wirklich etwas kurios, denn das kommt tatsächlich tageweise. Wenn der Wetterbericht sagt es regnet, dann regnet es den ganzen Tag (mit so 20 min. Unterbrechungen, die einen immer dazu treiben, genau dann und ohne Regenschirm rauszugehen… ). Wenn der nächste Tag sonnig werden soll, dann heißt es Sonne pur und blauer Himmel für 12h. Auf einen wirklichen Wetterumschwung während des Tages warte ich tatsächlich immer noch. Also zurück zur Geschichte: Es regnet. Den Regen gibt es in allen erdenklichen Formen. Nieselregen, normaler Regen, Sprühregen, Klatschregen, schwache bis starke Schauer, Gewitter, andauernder nerviger Regen, warmer Regen, kalter Regen, … . Der Regen ist aber gar nicht so schlimm. Er kaschiert jedoch so ein wenig, dass hier der Frühling mit aller Macht eingezogen ist. Denn die Tagestemperaturen fangen hier bei 15 °C an und gehen je nach Wetter bis auf 26 oder 27 °C rauf. Und Shanghai ist grün geworden. Ja es gibt hier viele Parks, aber die ganzen Alleen, Büsche und Bäume, die hier überall versteckt sind, sind mittlerweile grün und das ist besonders wahr führ Xuhui und die French Concession. Und so habe ich – erstaunlicher Weise in einer Weltmetropole – zum Spazierengehen gefunden.  Fast jeden Mittag gehen wir einen „Digestion Walk“ durch die umliegenden Straßen. Ja ich weiß, klingt nicht nach Spannung pur, aber es trägt eindeutig zum Shanghai-Feeling bei. Denn irgendwie sieht man doch jedes Mal was neues.

Zum Beispiel irgendwelche neuen Fortbewegungsmöglichkeiten. Die Rainy Season hat eine eindeutigen Umschwung in der Roller-Mode bedingt: die dicken mit Paktklebeband befestigen Handschuhe sind größtenteils verschwunden, dafür sind jetzt aufgespannte Jacken als Spritzschutz im Rennen. Die Delux-Varianten haben dann tatsächlich auch noch eine Regenschirm-Konstruktion, da ist der Phantasie hier wirklich keine Grenze gesetzt. Aber es gibt auch eine Menge junger Leute die mit futuristischeren Dingen unterwegs sind Sagways, vorrangig ohne den Griff sondern nur als kleine Plattform mit Rädern. Und es gibt hier Leute die haben ein einzelnes tellergroßes Rad zwischen den Beinen an dem außen beidseitig ein Pedal zum draufstehen ist, und man kann die beiden Pedale in entgegengesetzte Richtungen schwingen, rechts Bein vor Gas geben, andersrum Bremsen, sieht etwas seltsam aus, aber wer weiß vielleicht sind wir in 20 Jahren ja alle so unterwegs. Noch laufe ich aber und das ist hier WIRKLICH ein Erlebnis. Der Verkehr in Shanghai ist nicht nur eine farbenfrohe Ansammlung sämtlich möglicher Fahrzeuge, auch die Regeln sind eindeutig anders als in Deutschland. In meinen Augen gibt es eigentlich nur zwei Regeln:

Nr. 1: Der Stärkere gewinnt.
Nr. 2: Der Schwächere ist unschuldig, wenn was passiert.

Wenn man das richtig anwendet, ergibt sich ein wunderbares Gleichgewicht aus Vorankommen und angehupt aber nicht überfahren werden. Das bedeutet du versuchst - während du über die Straße gehst - den voraussichtlichen Weg  dich schneidender Autos zu bestimmen und dann genau kurz davor stehen zu bleiben, um vor dem zweiten Auto die Straße dann endgültig zu überqueren. Kommt statt einen Auto ein Bus, dann tritt man lieber den Rückweg an, denn die donnern hier über die Straßen, als gäbe es kein Morgen mehr. Mit Ampeln ist das in den meisten Fällen etwas einfacher, nicht weil das ein sicheres Zeichen ist, sondern vielmehr weil man dann einfach im Schatten eines Chinesen laufen kann. Ampeln sind hier auch nicht wirklich final, sondern verstehen sich mehr als eine Empfehlung. Bei Rot empfiehlt es sich stehen zu bleiben und bei Grün ist es prinzipiell einfacher die andere Straße zu erreichen.  Autos biegen meistens jedoch aber ohne Rücksicht auf die Ampeln ab, Roller ignorieren die Ampelführung zuweilen komplett (die fahren zum Teil auch auf dem Gehweg) und alles was weniger motorisiert ist, aber trotzdem fahren kann, hält sich einfach an gar keine Regeln. Das heißt bei großen Straßen, wenn die Ampel auf Grün springt, bleibt man als Fußgänger erstmal noch 3 Sekunden stehen und wartet den Großteil der Roller-Fahrer ab, dann erst beginnt man die Straße zu kreuzen, wobei du IMMER guckst, wo das nächste Auto kommt. Das ganze fühlt sich an wie Real-Life Crossy Road. Und macht ehrlich gesagt ziemlich Spaß ^^.

So, damit ihr aber auch mal wieder ein paar Fotos zum Angucken habt ein paar Worte zu den paar kleineren und größeren Ausflügen der letzten Wochen, auch wenn sie meistens auf die Tage beschränkt waren, an denen es mal nicht dauerhaft geregnet hat. Unter anderem war ich auf einer Computerspiel-Exhibition zum Start des Warcraft-Films, bin durch das Viertel nordwestlich des Renmin-Squares geschlendert und hab einen Tagestripp zum Chenshan gemacht:

Im Manga und Science Fiction verrückten Asien, gibt es tatsächlich häufiger „Exhibitions“ – Austellungen – zu den unterschiedlichsten Computerspielen, Filmserien oder dergleichen. Im Fall der Warcraft-Exhibition hat das Ganze dann im einer Shopping Mall stattgefunden, in der dann überall auf den unterschiedlichen Ebenen irgendwelche Gewänder, Waffen oder Figuren ausgestellt sind. Ist wirklich etwas gewöhnungsbedürftig. Ich bin kein Museums-Fan und so gern ich auch mal am Computer spiele, aber ein „maßstabsgetreues“ Ork-Hammer Plastikreplikat in einer Vitrine zu bewundern, treibt das Ganze dann doch ein wenig auf die Spitze, oder? Vor allem, wenn daneben die Geschichte des Hammers auf einer Tafel ausgiebig erklärt wird… Nun gut, es gab auch die Original-Gewänder vom Dreh zusehen, aber so Hollywood und Film-fanatisch bin ich dann auch wiederum nicht. Dennoch, die Ausstellung war natürlich gut besucht und ich habe mich brav mit meinen chinesischen Kollegen in jede Schlange gestellt und beispielsweise 35 Minuten gewartet um dann ein Foto mit einem Lebensgroßen Orkhäuptling zu machen – geht ja nichts über Fotos, gell? So negativ, wie ich das hier dargestellt habe, war es natürlich nicht. Es war ziemlich gut gestaltet und man muss schon schmunzeln, wenn dir jemand die Geschichte der Invasion der Orks in Gebiete der Menschen anhand von Schautafeln erklärt. UND erstaunlicherweise waren da nicht nur Jugendliche, sondern auch ganze Familien mit Großeltern etc. Highlight der Ausstellung ist der „Virtual Reality“ Flug auf einem Greifen… den werde ich wohl nochmal an einem Werktag nachholen müssen. Die Wartezeit dafür war am Wochenende einfach zu lang… und natürlich gab es auch genügend Hightech-Computer zu sehen, irgendwelche moderierten Show-Battles in diversen Computerspielen, Verlosungen und an sich alles was man mit einem Jahrmarkt in Verbindung bringen würde. Also war schon irgendwie sehenswert^^.

  Warcraft-Austellung

Wesentlich ruhiger war der Spaziergang am Suzhou River entlang und durch das Viertel nordwestlich des Renmin-Square. Dort findet man noch ganze Bereiche aus dem Shanghai der 1920er und 1930er Jahre. Das heißt europäisch angehauchter Baustil, wirtschaftlich orientiert, kein Platz für Schnickschnack, enge Straße, kaum Autos und tausende von kleinen Läden von Metallwaren über Plastikschüsseln bis hin zu Pinselshop, vom Friseur zum Obstladen, für alles findet man da einen Laden. Und jeder dieser Läden handelt dann ausschließlich mit dem einen Gut. Stellt euch eine Garage vor von oben bis unten vollgestopft mit Maschendrahtzaun in jeder erdenklichen Maschengröße, Farbe oder Material. Dazwischen ein Fernseher und ein Hocker. Sieht irgendwie stillvoll aus.

Old Shanghai. :)

Und dann waren wir gestern zu vorgestern zu siebt im Chenshan Botanical Garden zum Picknicken. Der Chenshan ist einer der Haus“berge“ von Shanghai. Keine Ahnung wie hoch der ist, aber um die 300 Meter vielleicht? Klingt jetzt nicht besonders eindrucksvoll, aber wenn in der totalen Eben auf einmal ein riesig großer Stein liegt, sieht das dann schon beeindruckend aus. Wirklich klasse ist, dass der Chenshan und das umliegende Gebiet Botanischer Garten ist. Wir haben während dem ganzen Tag nicht den kompletten Garten ablaufen können, aber es gibt Bereiche für die unterschiedlichen Floren Asiens, einen Wassergarten, Steingarten, Steinbruchgarten, Rosengarten, 3 futuristische Gewächshäuser und so weiter… Im strahlenden Sonnenschein ist das bestimmt auch noch fünfmal schöner als im Nieselregen, aber man kann ja nicht immer zu Hause bleiben :P. Chinesisch Picknick ist auch interessant: vier 1,5x1,5 Meter Einmal-Tischdecken auf den Boden, einen Haufen Snacks und dann wird losgelegt. Sieht aus wie ein einziger Haufen Plastik. Und die Kombination von Wasabi-Nüssen, Heidelbeer-Gelee gefüllten Marshmallows und anderem Knabberkram ist nun wirklich gewöhnungsbedürftig. Aber der Garten macht alles wett. Hibiskus-Blüte ist aktuell und im botanischen Garten findet aktuell die Internationale Orchideen Ausstellung statt. Und die gibt es echt in allen Formen und Farben! Aber vielleicht sprechen die Fotos ja zumindest zum Teil für sich.

ChenShan und der umliegenden Botanische Garten EIndrücke der Orchideen-Austellung 2016 in Shanghai. Und ein paar andere Blüten

Soooo, dass war’s schon wieder, ich melde mich bald wieder.

Bis bald,

euer Andi

Auf Erden gibt es Suzhou...

Dienstag, 29.03.2016

Hallo meine Lieben!

Ich hoffe ihr hattet alle ein paar ruhige und entspannte Osterfeiertage und habt nicht allzu viel Zeit gehabt, meinen Blog zu kontrollieren nur um festzustellen, dass ich schon wieder etwas spät dran bin :P. Meine Woche war sehr schön, auch wenn ich etwas weniger unterwegs war, aber lest selbst:

Mein Wochenanfang ist vom Chinesisch Lernen geprägt. Ich habe mittlerweile ein paar Apps auf dem Smartphone, dort lerne ich zwar andere Vokabeln, aber zumindest kann ich immer direkt drauf zugreifen und wenn man mal 5 min Zeit hat und gerade auf irgendetwas wartet, dann kann man auch genauso gut einen kleine Lektion Chinesisch lernen. Funktioniert soweit ganz gut auch wenn ich langsam das Gefühl bekomme, dass mir mein Wortschatz langsam entwächst, jede Stunde werden es mehr und mehr und mehr. Aber dafür habe ich auch wirklich, dass Gefühl, dass ich Fortschritte mache. Ich verstehe immer mehr, ich kann ein paar einfache Sätze und damit kommt man immerhin ganz passabel zurecht.

Kulinarisch bewege ich mich diese Woche in der Kantine mal durch die Doufu (=Tofu) Landschaft, denn den gibt es hier wirklich in allen möglichen Formen und Farben (naja Farben vielleicht etwas weniger) und der schmeckt auch jedes Mal komplett unterschiedlich. Mein absoluter Favorit ist die Haut vom Tofu. Die schmeckt einfach göttlich. Im Supermarkt sieht das etwas seltsam aus, weil die als getrocknete „Papierbögen“ verkauft werden. Sieht dann aus wie eine platte gewalzte, leicht gelbliche Plastiktüte und wenn ich ehrlich bin auch nicht allzu appetitanregend.  Aber sobald man etwas Wasser dazugibt, quillt der Doufu, verändert seine Farbe und Konsistenz, rollt sich zusammen und sieht dann so aus wie ihr es im zweiten Bild von links oben sehen könnt. Das steht ganz sicher auf meinem Kochplan, sobald ich weiß wie man das dann entsprechend würzt (und sofern man das denn in den Asia-Läden Deutschlands erwerben kann).

  Die Welt des Tofu.

Die Abende verbringe ich mit Lin Sheng und Jing. Dart spielend, schwatzend, Musik hörend (chinesische Musik ist in den meisten Fällen etwas gewöhnungsbedürftig, ihr könnt ja mal in „One Night in Beijing“ von SHIN reinhören… oder gebt mal 蓝色频闪灯 bei YouTube ein, ich kann das leider nicht testen sonst würde ich euch direkt Links geben… letzteres ist gar nicht so schlecht und unerwartet untypisch chinesisch) und am Mittwochabend  geht für mich ein Traum in Erfüllung. Jing kommt nach Hause und meint sie hätte ein neues Spiel dabei: Weiqi – 围棋 – Go. (Das Spiel heißt bei uns einfach nur Go). Und alle, die schon Mal das Pech hatten mich auf Go anzusprechen, dürften wissen was daraufhin passiert ist. Ich bin ein absoluter Go-Fanaktiker, ich liebe dieses Spiel. Aber ich bin trotzdem ein blutiger Anfänger. Dieses Spiel ist absolut genial, es hat so einfache Regel, sieht wunderschön aus und ist unheimlich Komplex. Genial, genial, genial. Zurück zur Geschichte. Jing und Lin Sheng sind etwas verwundert, dass ich A.) Weiqi richtig aussprechen kann B.) weiß, worum es geht und C.) von meinem Grinsen, das beide Backen überstrahlt. Auf einmal macht sich Erleuchtung auf ihren Gesichtern breit und mit einem Lächeln, erklären sie mir, dass sie nicht das „5-Steine einer Reihe“ –Spiel meinen (das sind bei uns 4, der Kasten ist blau und die Steine rot und gelb… wisst ihr was ich meine?), sie meinen ein anderes Weiqi. Ich nicke eifrig „zhidao, zhidao“ (=Ich weiß, ich weiß). Unnnnnd der verdutzte Gesichtsausdruck ist zurück. Egal, es wird gespielt und mein Grinsen wird für die nächsten drei Stundemein Gesicht nicht mehr verlassen. Hab ich erwähnt wie genial das Spiel ist? Wir haben die Supermarkt Variante, die Spielsteine sind nicht gleichmäßig, das Brett ist kein Brett sondern eine Folie mit Aufdruck, aber wenn soll das stören? Ich spiele Weiqi! Mit Jing. Lin Sheng hat noch nie Weiqi gespielt. Nach ein paar Partien kann ich jedoch Lin Sheng überreden, es mal auszuprobieren und hier geschieht dann endlich mein Wunder. Nach dem ich so vielen von euch Banausen versucht habe die Schönheit dieses Spiels nahezulegen und keiner von euch es erkennen wollte, gefällt es Lin Sheng. Die Götter haben mich erhört. Und damit ist das Abendprogramm neben Darts um eine Variante erweitert worden. Und die bedroht nun ernsthaft meinen sorgsam entworfenen Tagesplan. Denn wer will schon was anderes machen wenn man Go spielen könnte? Aber ich will (zumindest für jetzt) erstmal aufhören, davon zu schwärmen…

Suzhou. Eindrücke aus einem Tag im Venedig Chinas.

Zum Wochenende: Der Plan lautet, samstags nach Suzhou und sonntags ausschlafen, chinesisch lernen und Blog schreiben. Da ich jetzt schreibe, wisst ihr bereits, dass mein Plan nicht so wirklich erfolgreich war. Nun gut Samstag geht es aber erst einmal nach Suzhou. Suzhou ist eine Wasserstadt, wird als Venedig Chinas bezeichnet und hier sagt man: Im Himmel gibt es das Paradies, auf Erden gibt es Suzhou (und Hangzhou). Aber Suzhou ist ungleich Shanghai und ich verlasse nach mehr als einem Monat zum ersten Mal Shanghai. Ich fahre mit Yu Wei morgens um 8:30 zur Hongqiao Railway Station und dort stellen wir uns in eine der ewig langen Schlangen für die Tickets für den Highspeed Train. 11:30 steigen wir dann in den chinesischen ICE und mit 287 km/h geht es in Richtung Suzhou. Die Züge können zwar 450 km/h fahren, aber seit 2011 sind sie – wegen einem Unfall – gedrosselt auf 300 km/h. 35 min später erreichen wir Suzhou. Unser Zug zurück geht um 20:02. 8 Stunden um Suzhou zu Fuß zu erkunden. Und Suzhou sieht tatsächlich klasse aus. In Suzhou wurde und wird noch wahnsinnig viel restauriert und wiederhergestellt. Hier gilt es tatsächlich zu bewahren, wie Suzhou früher einmal war. Zum Beispiel gibt es für Alt-Suzhou eine eindeutige Baueinschränkung. Keine Gebäude höher als 2 Stockwerke (und das ist in China!).  Und viele der Gärten werden erweitert oder nach alten Plänen wieder neu angelegt, denn vieles ist auch hier verschwunden.  Aber Yu Wei und ich besichtigen erstmal einige der üblichen Attraktionen. Die North Pagode, sehr breit, sehr hoch und der Eingang zum Tempel wird restauriert. Eintritt nicht möglich. Aber in einer der Seitengassen nachdem man durch ein wenig ansehnliches Wohngebiet gegangen ist, findet sich ein weiterer kleiner Eingang. Für die Chinesen, für die, die Tempel als Tempel nutzen wollen. Der Wachmann sieht uns und lächelt und winkt uns rein. Die Pagode ist leider trotzdem nicht zugänglich, aber es ist schön, mal einen wenig überlaufenen Tempel zu erleben. Und aus einem der Gebäude kann man ein paar rituelle Gesänge hören. Jetzt wirkt es wieder absolut klischeehaft chinesisch. Anschließend geht es auf die touristische Straße zurück – vielleicht sollte ich mal erwähnen, das 99% der Touristen natürlich auch Chinesen sind – und wir werden von jeder Seite angesprochen vergünstigte Tickets für diesen Garten oder jenen Garten zu kaufen. „Real Ticket, Real Ticket!“… wir gehen jedoch erstmal essen. In ein absolut berühmtes Restaurant. Dafür müssen wir sogar knapp 20 min warten. Die Preise sind ganz normal, das Essen fantastisch (wir haben eine ganze Ente, Schweinefleisch-Stücke nach Suzhou Art, Klee mit Reiswein, süße Reisbällchen Suppe und Reis-Congee). Vollgefressen geht es weiter, über kleine Brücken, vorbei an weiteren Tempeln, immer entlang der Kanäle und dann durch eine wahnsinnig lange Gasse mit Shops und Läden links und rechts zum Stöbern und Suchen, und immer wieder stößt man auf die Kanäle. Wirklich schön und es erinnert wirklich ein wenig an Venedig. Zumindest die Gondolieri gibt es hier auch. Ist aber etwas erschwinglicher als in Venedig. Nächstes Ziel ist jedoch erstmal der Panmen-Park. Der ist groß und klasse und nach fast 2h im Park laufen wir am großen Stadtkanal entlang zurück zum Bahnhof (der Weg dauert fast 2,5h). Zwischenzeitlich kann man auch auf der teilweise noch sehr gut erhaltenen Stadtmauer laufen. Die ist nebenbei 2500 Jahre alt. Und hoch. Und beeindruckend. Und verdammt nochmal ich weiß nicht wie ich die Dinge noch beschreiben soll. Es ist hier wirklich einfach klasse, es gibt so viel Unterschiedliches zu sehen. Vielleicht sprechen die Bilder ja für sich. Auf dem letzten Stück müssen wir dann nochmal joggen, und etwas abgehetzt erreichen wir gerade so unseren Zug. Suzhou war die Tagestour eindeutig wert und zur Lotusblüte werde ich sicherlich wieder hier sein! (Am Rande mal zur Einordnung, damit ihr euch das vielleicht etwas besser vorstellen könnt (Yu Wei besitzt nämlich so eine technisch-versierte GPS Uhr): Tagesstatistik: 33.563 Schritte, 26.5 km Laufstrecke). Für die Sportfanatiker unter euch mag das jetzt nicht signifikant sein, meine Füße rauchen jedoch^^.

  Suzhou bei Nacht. Auf dem Weg zurück um Bahnhof.

Samstagabend, Jing fragt ob wir morgen Dumpings machen wollen. Für mich ist das die Inkarnation einer rhetorischen Frage… der Nachteil wir fangen um 10.00 an, in ihrem Shop. Das heißt ausschlafen kann ich schon Mal von meiner Liste streichen.  Sonntagmorgen geht es dann zu dritt, zu ihrem Shop, da gibt’s die entsprechende Ausstattung, die haben wir nämlich nicht zuhause und dann werden Karotten geschält, Gurken geschnitten, Eier gekocht, gehackt, Doufu, Ingwer, Knoblauch, Lauch, Hackfleisch und irgendein Schnittlauch-Verschnitt wird vermengt und dann werden Dumplings gefaltet. Viele Dumplings… sehr viele Dumplings. Wir sind nebenbei mittlerweile zu viert. Lin Sheng, Jing, eine Freundin der beiden und ich. Es sind trotzdem eindeutig zu viele Dumplings. Selbst gemacht schmecken die dann tatsächlich auch noch ein Stückchen besser. Anschließend – ich bin schon wieder restlos überfressen – spielen wir eine Partie Weiqi und um 15:30 geht’s nach Hause, Klamotten wechseln und ab zum Badminton, nach 3h kommen wir gegen 20:00 wieder, es wird geduscht und anschließen essen wir angebratene Dumpling-Leftovers. Die Dumplings machen das unmögliche mögliche, ich wiege mittlerweile knapp 3kg mehr. Wenn das so weiter geht werde ich kugelrund sein, wenn ich nach Deutschland zurückkomme. Weiqi, Darts, Reden, Fotos aus Suzhou zeigen. Es ist 24:00. Bilanz: Nicht ausgeschlafen, nicht Chinesisch gelernt, nicht am Blog geschrieben. Mein Organisationstalent ist wirklich unter aller Sau....

Frohe Ostern! (nachträglich..)

Walking Shanghai's Streets

Montag, 21.03.2016

Herzliche Willkommen zurück und wieder ist eine Woche vorbei. Das mit dem pünktlich schreiben, hat dann doch nicht ganz geklappt aber nun, ich gebe mir Mühe.  Also dann was gab’s diese Woche so neues?

Die Wochentage werden mittlerweile wirklich zum Alltag. Was nicht heißen soll, dass es weniger Spaß macht oder weniger spannend ist. Aber man gewöhnt sich eben an den Verkehr, dass dauernde Hupen, das chinesische Geschnatter um einen herum, die Blicke, die „Hello’s“, die Uhrenverkäufer, das Gedränge der Rushhour und die allgemeine Vielfalt um einen herum. Aber es wird langsam Frühling. Das merkt man jetzt weniger daran, dass die Blumen anfangen zu blühen, sondern vielmehr daran, dass die mit Paketband an den Rollern festgeklebten Küchenhandschuhe langsam verschwinden, die Fruchtauswahl der Obstläden neues Obst bewirbt und daran dass es nachts nicht mehr ganz so kalt wird. Ansonsten bin ich unter der Woche jeden Tag im Institut und in jeder freien Minute lerne ich chinesisch und schreibe tausende von Schriftzeichen auf abertausende von Schmierzetteln. Und ich habe tatsächlich das Gefühl ich verstehe mit jedem Tag ein klein bisschen mehr. 6h später, Montagabend im chinesisch Unterricht, kommt dann der verdiente Dämpfer: Qianque. Dieses Wort kriege ich einfach nicht über die Lippen. Entweder stimmt die Aussprache nicht oder die Tonlage ist falsch, nach 5 min wird es zu meiner Hausaufgabe und eine halbe Stunde später kommt Listening-Comprehension. Aber mit irgendwelchen Wörtern, es gilt nur das  Pinyin niederzuschreiben und den richtigen Ton zu erkennen.  Pustekuchen. Ich kenne den Unterschied der vier Töne mittlerweile wirklich auswendig und ich würde behaupten in 95% der Fälle kann ich den sogar richtig aussprechen. Aber bei mir verändert sich die Tonlage dabei auch um gefühlte drei Oktaven, sodass wirklich jeder weiß, was ich denn meine. Bei den Chinesen läuft das anders.  A.) es wird schneller gesprochen und B.) naja die Tonlage ist mehr oder weniger identisch, nur ein Hauch von Veränderung ist dabei drin. Und das zu erkennen ist - zumindest für mich - höllisch schwer. Den vierten und dritten Ton erkenne ich meistens. Aber den ersten und zweiten verwechsle ich permanent oder mache sie einfach aus Prinzip zu einem dritten Ton. (Als kleine Erklärung mal nebenbei: Jede Silbe/Wort kann in 5 Tönen ausgesprochen werden,  1.) Gleichbleibend, 2.) mit ansteigender Stimme, 3.) mit fallender und dann steigender Stimme, 4.) mit fallender Stimme und 5.) neutral – damit ihr auch wisst wovon ich überhaupt rede. Und ja ich weiß das klingt im Prinzip einfach…. -.-). Entsprechend gedämpft geht mein Montag dann zu Ende. Bis Donnerstag, werde ich jeden Abend vor mich hin brabbeln wie ein Baby – mit anderen Worten direkt wieder bei der Aussprache. Nichts desto trotz, lerne ich natürlich auch neue Vokabeln.

Ansonsten lerne ich während dieser Woche zum ersten Mal ein bisschen chinesisches Kochen kennen. Lin Sheng kocht zweimal abends ein paar Kleinigkeiten. Das Prinzip ist einfach, Öl in den Wok, Flamme hochdrehen, Ingwer und Knoblauch reinschmeißen, dann Fleisch nachschieben, umrühren, 1 Minute später das Gemüse dazugeben und dann nochmal 2 Minuten rühren und raus aus der Pfanne. Dann das Spiel wiederholen. Mit anderem Fleisch und anderem Gemüse. Währenddessen einfach einen Schuss, Sojasauce oder Reisessig dazu, oder beides. Dazu gibt es natürlich Reis. Lin Sheng kommt aus einer ländlichen Gegend und hat die Essensgewohnheiten eines Klischee Chinesen in unserer Vorstellung. Er isst am liebsten jeden Tag morgens, mittags und abends Reis. Mit einer Beilage vielleicht. Aber ohne Reis geht gar nicht. Damit ist er jedoch in Shanghai deutlich in der Minderheit. Wenn man hier essen geht, steht Reis nämlich nicht gerade allzu häufig mit auf dem Tisch. Was mich jedoch wirklich wundert ist, warum die Menschen hier alle so rank und schlank sind. Sie essen dreimal am Tag warmes Essen, was eigentlich immer in Öl ausgebraten oder frittiert ist, sie vergöttern nahezu Eier in jeglicher Form und essen auch davon am liebsten jeweils mindestens eins pro Mahlzeit und dann arbeiten alle den ganzen Tag. Oder fahren U-Bahn, Rolltreppe, Auto, Bus. Laufen ist in den meisten Fällen eher uncool.

So vergeht also meine Woche, mittwochs feiere ich in stiller Einsamkeit meine erste eigenständige Übersetzung eines chinesischen Satzes, der aus 5 Schriftzeichen besteht:  进出请关门。Das zweite Schriftzeichen kann ich zwar nicht aussprechen, aber da es zum Wort „Exit“ gehört, sieht man es in Shanghai eigentlich überall. Dieser wunderbare Satz wird also „Jin chu qing guan men“ ausgesprochen. Er bedeutet: „Nach Verlassen des Raumes, Tür bitte schließen.“ Genial, oder?

People's Park. Chinesen beim Majiang spielen. Und die faszinierende Regenschirm-Parade.

Aber nun mal zum etwas Bilder-lastigeren Teil der Woche – dem Wochenende! Samstags gilt es früh aufzustehen, Wäsche zu waschen und dann hopp hopp gegen 11 Uhr zum People’s Place – dem Renmin Square - zu fahren. Das ist sozusagen, dass Zentrum Shanghai’s. Da feiert Shanghai sich selber, die chinesische Kultur (es gibt ein riesiges Museum, kostenfrei und vollgepackt mit der Geschichte Chinas) und seine Volkshelden (ein paar monströse Denkmäler).  Das Museum hebe ich mir für einen anderen Tag auf. Meine Reise beginnt am People’s Park. Der ist wirklich schön angelegt und im Sommer, wenn es hier echt heiß wird, kann man hier sehr gut entspannen. Heute stoße ich hingegen auf eine wahre Armada an Regenschirmen. Jeder Weg des Parks scheint beidseitig gesäumt zu sein von einer Regenschirm-Allee. Hinter jedem Schirm sitzt ein meistens etwas älterer Chinese und wartet. Und – am wichtigsten­ – an jedem Schirm ist ein DinA4 Blatt befestigt. Für mich wirkt es wie der wohl dreisteste Schwarzmarkt aller Zeiten. Bis ich dann nach einigen Minuten endlich kapiere worum es hier tatsächlich geht. Ich befinde mich mitten in Shanghai’s größter Partnerbörse. Hier versuchen Eltern ihre Kinder gegen die wohlbestmöglichste Partie zu verheiraten. Und da wird genauso gefeilscht und diskutiert wie wohl auf jedem anderem Markt auch. Das trifft hauptsächlich solche Kinder, die Ende zwanzig sind und die es bisher nicht geschafft haben, sich selbst eine entsprechende Partie zu besorgen. Da schrillen hier eben die elterlichen Alarmglocken und man geht mit Zettel und Regenschirm zum Park. Das ist hier Normalität, als ich mal bei meinen Freunden nachfrage, wird nur zurückgefragt, wie man in Europa denn sonst jemanden kennenlernt. So ganz Unrecht haben sie ja nicht. Es ist auf jeden Fall ein Spektakel. Ansonsten treffe ich auf viele ältere Männer und Frauen die hier Mah-Jong (chin. ausgesprochen Majiang) , Karten oder chinesisches Schach spielen. Und man kann hier auch wieder wunderbar den Gegensatz zwischen den letzten 2 Jahrhunderten und dem modernen Shanghai beobachten. Man sieht noch die alten Gebäude, die die Europäer anfangs hier errichtet haben und direkt dahinter, die modernen Skyscraper des neuen Shanghai’s.

Der Huangpu River am Tag. Ausblick von der Fuzhou Lu auf die Gebäude von Pudong

Mein Weg führt mich weiter die Nanjing Dong Lu rauf und wieder runter und ich besuche eine Kunstgalerie auf der Suche nach einem wunderschönen Bambusgemälde, das jedoch leider nicht mehr ausgestellt ist. Auf der Fuzhou Lu geht es dann wieder Richtung Bund. Dort halte ich mal eine Weile an und genieße den Blick auf Pudong, die Brise des Huangpu River, betrachte das zweithöchste Gebäude der Welt, das im Dunst verschwindet und schlendre allmählich langsam am Bund entlang in Richtung Süden zum YuYuan Garden.

Das YuYuan Viertel. China aus dem Bilderbuch!

Das Viertel um den YuYuan Garden gehört zur eigentlichen (und geschützen) Altstadt Shanghai’s und trotz noch heute dem Bauboom in Shanghai. Für andere Teile der Altstadt gilt das leider nicht mehr. YuYuan ist jedoch ein absoluter Touristen-Hotspot und dementsprechend ist zu erwarten, dass es YuYuan auch noch einige Zeit länger geben wird. Dort gibt es alles was das touristische Herz begehrt. Essen, lauter chinesische Fächer, Pinsel, Möbel, Kleidung, Schmuck und was man eben als Tourist so erwartet in China zu sehen. Aber eben auch authentisch. Besonders faszinierend sind die Kunsthandwerker der chinesischen Minderheiten. Dort kann man Künstlern aus bestimmten Regionen Chinas zuschauen, wie sie ihre perfektionierte Kunst live ausüben. Hier wird beispielsweise mit dem Fingerrücken des kleinen Fingers gemalt, Stempel werden graviert oder aber es wird auf Blattvenen gemalt. Für 6 € nehme ich dann auch ein kleines Gemälde (in der Größe eines  etwas breiteren Lesezeichens) mit. Die nächste Stunde wandere ich dann weiter durch YuYuan und lasse das Flair vom alten China auf mich wirken. Hier wird gerade Mondkuchen gemacht, den ich noch probieren muss und der wohl Glück bringt, wenn man ihn isst. Die Schlange zum Anstehen schreckt mich jedoch zumindest für heute ab. Mein Tag endet im YuYuan Garden. Ein wunderschöner, verschnörkelter Garten, den etliche Kaiser über die Jahrhunderte mit Pavillons, Teichen und Steinformationen bereichert haben. Der ist einfach schön und vielleicht bringen es die Bilder auch rüber, auch wenn es heute eher diesig ist.

YuYuan Garden.

Sonntag, heute wird ausgeschlafen. Zumindest mal bis 9 Uhr. Dann geht es zum Institut und ich treffe Wang Yue und Yu Wei. Heute steht ein absolutes Muss auf der chinesisches To-Do Liste. Es geht zum Gucun Park, den seit zwei Tagen hat das Sakura Festival begonnen. Das Fest der Kirschblüten. Mit der U-Bahn geht es 45 Minuten lang in den Norden Shanghais. Die Bahn wird immer voller und an der Gucun Park Station, erlebe ich dann zum ersten Mal Asien wie aus dem Bilderbuch. Willkommen in der Menschenmasse, laufen ist nicht mehr, man wird einfach getragen es geht die Rolltreppe hoch, und eine Flut an Menschen ergießt sich auf den Gucun Park. Und der ist auch wirklich beeindruckend. Wahrscheinlich noch mehr, wenn man ein paar Tage später kommt. Wenn tatsächlich alle Kirschbäume blühen und die Blüten von weiß in rosa übergehen. Aber schon jetzt wirkt es umwerfend (auch wenn die Fotos das nicht so richtig hergeben. Aber naja trotzdem, es ist faszinierend zu sehen. China im Blütenfieber. Es wird fotografiert was das Zeug hält. Mit Kamera, Handy, Selfie Stick. Jeder lichtet hier sich selbst und die Umgebung ab und am liebsten an jedem Baum aufs Neue. Dazu gibt es hier dann natürlich auch einen Jahrmarkt. Auf dem man sich dann hübsch-hässlichen Plastikblütenreife kaufen kann. Und wie in Deutschland jedes Jahr abertausende von Volksfest-spezifischen Hüten zu horrenden Preisen den Besitzer wechseln, so trägt hier eben fast jeder zweite so ein paar Plastikblumen im Haar.

Gucun Park. Kirschblüten und zwei kleine Chinesen, die sich schon fleißig im Fotografieren und fotrgrafiert werden üben.

Nach knapp 4 Stunden Park, geht es wieder zurück. Wir gehen essen, Nord-Ost Chinesische Küche steht auf dem Plan. Es gibt süß-sauer frittiertes Schweinefleisch, kandierte Süßkartoffel, eine Art Brotfladen, Reisvermicelli mit unterschiedlichen Soßen und Fleischspieße. Diese Kombination hätte ich zwar nie bestellt aber trotzdem muss ich einsehen, dass hier mein kulinarisches Gefühl einfach deplatziert ist. Es schmeckt köstlich (wie man sich mittlerweile denken kann, aber ich weiß mir einfach nicht zu helfen… es ist wirklich echt gut, für alternative Wortvorschläge bin ich dankbar…). Anschließend fahren wir zum Shanghai Slaughterhouse. Das ist wie der Name schon sagt, eine ehemalige Schlachterei. Nur etwas größer als die meisten, und architektonisch komplett durchgeplant. Und heute kann man da einfach wahnsinnig gut Fotos machen. Ob nun am Tag oder bei Nacht so wie heute. Es macht auch einfach Spaß darin rumzulaufen und sich immer wieder aufs Neue zu verlaufen.

Shanghai Slaugtherhouse bei Nacht.

Nach unserem Abstecher zum Slaughterhouse geht es dann auch nochmal zum Bund, sozusagen als Verdauungsspaziergang Teil II. Der Bund ist bei Nacht wirklich sehenswert und man läuft auch immer wieder über ein Hochzeitspaar, das sich dort fotografieren lässt. Und um kurz nach 22 Uhr geht es zur Abwechslung mal mit dem Bus nach Hause. Und damit bis zur nächsten Woche.

Liebe Grüße,

euer Andi

Und zum Abschied einfach weil es so gut aussieht. Der Bund von Shanghai bei Nacht.

 

Xujiahui und der Wasserschaden

Dienstag, 15.03.2016

Shanghai Dumpling – die dritte. Und Action.

Naja mit Action war es diese Woche wohl doch nicht ganz so. Es war eher kalt und nass und stürmisch und im Prinzip (zumindest wettertechnisch) meistens ziemlich ungemütlich. Auch wenn ich dieses Wort eigentlich nicht mit Shanghai verbinden will.  Es gibt ein Sprichwort hier in China, das besagt, dass man in Shanghai an einem Wochenende alle vier Jahreszeiten erleben kann. Jetzt glaube ich das. Nach wunderbaren 23 °C am Sonntag ist mein morgendlicher Weg zum Institut am Montag von 4°C geprägt. Aber ein Gutes hat die Kälte. Die ganzen Garküchen dampfen noch mehr als sonst, es stehen mehr Leute an, es wird mehr geschwatzt, der Baozi schmeckt noch ein Stück besser und für mich wirkt alles noch ein bisschen mehr asiatisch. Ansonsten bekommen meine Tage langsam ihre eigene Regelmäßigkeit. Aufstehen 7:20, Haus verlassen 7:45, Wang Yue auf dem Weg zum Institut treffen 7:50, Diskussion und Auswahl des Frühstücks bis 7:55, Ankunft am Institut 8:10, Frühstück am Schreibtisch bis 8:30, dann eine Stunde Chinesisch lernen, Projekt und den Tag mit Yu Wei besprechen, e-Mails lesen, …, 11:30 Mittagessen, 12:15 chinesisch Wiederholen für knapp 15 min (während der Rest schläft), um 18:30 ist für mich Feierabend, zweimal die Woche geht es dann zum chinesisch Unterricht bis 21:00. Ansonsten gilt es einzukaufen, mit meinen Roommates zum Dinner zu gehen, zuhause wieder 1h chinesisch zu pauken, kurz in den Reiseführern zu lesen, mit Lin Sheng zu reden und dann Darts zu spielen. Das späte Schlafengehen wird leider auch zur Regelmäßigkeit. Aber man ist ja nicht jedes Jahr in Shanghai :P

Der Montag bringt aber noch eine Überraschung mit sich. Dashu ist in die Falle getappt. Und tatsächlich kleben geblieben. Wenn ich das Tier jetzt so sehe, tut es mir Leid. Aber Lebendfallen kennt man hier nicht. Mit absoluter Selbstverständlichkeit wird die Falle zugeklappt und dann wird die Ratte einfach samt Falle weggeschmissen. Manchmal sind die Unterschiede in der Mentalität doch sehr deutlich. Ich füge einen weiteren Punkt meiner To-do Liste hinzu: erneute Grundreinigung der Küche. Wir stellen auch nochmal eine Falle auf. Aber die wird - zumindest bis zum Ende dieser Woche  - leer bleiben.  Im Chinesisch Unterricht lerne ich dann am Abend auch zum ersten Mal offiziell Vokabeln, nicht mehr nur noch Aussprache. Und die häufen sich dann relativ schnell an. Ich feiere trotzdem jeden noch so kleinen Fortschritt für mich wie eine Goldmedaille bei Olympia. Mein Trainingsprogramm ist aber auch entsprechend streng organisiert: Lehrbuch, Karteikarten für Chinesisch – Englisch und weitere für Chinesische Schriftzeichen – Chinesisch/Englisch, Übungsheft für Schriftzeichen, Übungsheft für Diktate und dann natürlich Aussprache-Übungen.

Impressionen aus dem Daily Life

Ansonsten vergehen die folgenden Wochentage relativ ereignislos, was nicht bedeutet, dass sie weniger spannend für mich sind. Ich glaube, ich könnte stundenlang über die vielen kleinen Dinge schreiben, die man hier überall an und um die Straßen herum sieht. Aber leider kann das weder mein Handy noch meine Kamera richtig einfangen. Für mich ist es einfach das Feeling in Shanghai zu sein. Und, dass man immer wieder was neues sieht, auf etwas unerwartetes stößt oder einfach überrascht wird von der Vielfältigkeit und der Einfachheit des Lebens hier. Die Hunde, die immer irgendwas angezogen bekommen, die Roller, an denen Backofenhandschuhe festgeklebt sind, die ewig rotleuchtenden Anzeigetafeln… das ist einfach unbeschreiblich. Und naja vielleicht muss man auch einfach darauf abfahren. Am Mittwoch beispielweise, habe ich auf einem kleinen Spaziergang nach dem Mittagessen in unmittelbarer Nähe zum Institut eine kleine Kirche entdeckt, die fast schon märchenhaft berankt war  und – natürlich – von Hochhäusern in allen Richtungen umgeben. Ach ja, das sollte ich mal erwähnen Hochhaus bedeutet hier 20 Stockwerke Minimum.  Und das erstaunliche, der Lärm der hier normalerweise allgegenwärtig ist, ist kaum noch zu hören, sobald man den zugehörigen Park betritt. Das habe ich sogar glaube ich schon Mal erwähnt oder? Egal, ist es wert, nochmal erwähnt zu werden.

Samstags treffe ich zwei  Bekannte meiner Familie, die kurzfristig in Shanghai sind, wir gehen Taiwanesisch essen und es gibt HAAAMMMERR dumplings. Oh mein Gott, wirklich unglaublich gute Dumplings. Anschließend geht es mit dem Auto nach Qibao, da sie gerne da hinwollten. Qibao ist auch wirklich mehrere Besuche wert.  Nachmittags, treffe ich dann meine Arbeitskollegen, wir wollen nämlich Hotpot machen und aber dieses Mal dann selber. Und das läuft so ganz anders ab als ich das erwartet habe. Nummer eins, ich werde ins Studentenwohnheim eingeladen. Die Wohnung teilen sich 4 Personen. Und Mensch ist die zugestellt. 2 Zimmer mit jeweils zwei 90cm Betten und ein paar Klappschränken mit vollgestopften Klamotten darüber. Für mehr ist auch nicht Platz. Eine Küche von 2 m², ein Bad von 2,5 m² und dann ein Zimmer für all den Rest. Jeder hat dort einen Schreibtisch, ein großer Schrank steht an der verbliebenen Wand und eine kleine Kommode ist dazwischen gequetscht. Wir haben einen Deal, ich soll Cookies backen, der Rest macht Hotpot. So war der Deal. Die Konditionen haben wir nicht besprochen. Wir waren einkaufen und ich habe das nötigste zum Backen, aber keinen Backofen und auch keinen Herd. Es gibt aber eine Mikrowelle, die man sich mit den anderen knapp 40 Bewohnern des Stockwerks teilt. Ich google – nein sorry, Google ist hier ja geblockt – ich „baidue“ (Baidu ist chinesisches Google) Mug Cakes. Kurz darauf habe ich ein Rezept und es kann losgehen. Meine Arbeitsfläche wird die Kommode, (das was vorher drauf stand, wurde kurzerhand auf die Schreibtische verteilt), die anderen Waschen das Gemüse. Mug Cakes sind erstaunlich einfach, und naja im Geschmack bescheiden, aber vielleicht liegt das auch an meiner begrenzten Zutatenauswahl. Nichts desto trotz, die Kekse werden als Western Style Cooking nahezu vergöttert. Die haben echt einen Knacks für alles was nicht 100% chinesisch ist. Und naja ich habe einen Knacks für alles was 100% chinesisch ist. Dann „kochen“ wir Hotpot, die Kommode wird in die Mitte des Raumes gestellt und aus den Nachbarzimmern und Nachbarwohnungen werden Stühle angeschleppt. Es wird etwas eng. Und dann beginnen wir zu kochen. Wir haben mittlerweile eine elektrische Herdplatte. Wir nutzen Wasser und 3 Päckchen Fertig-Hotpot-Pulver. Das war’s. Modern Style Chinese Cooking nennt sich das dann wohl. Keiner der 7 kann kochen. Zumindest nicht in dem Sinne, wie wir das vielleicht erwarten würden. Sie sagen, sie werden das lernen, wenn sie eine eigene Familie haben. Aber doch nicht jetzt, es gibt schließlich hier nahezu alles als „Instant“ Variante. Dann bleibt meine Hoffnung chinesisch Kochen zu lernen wohl doch an meinen Roommates hängen. Kurz darauf werde ich dann mit einer anderen persönlichen Errungenschaft besänftigt: ich lerne wie ein Vogel Sonnenblumenkerne zu essen. Die isst man hier gerne, wenn man beispielsweise darauf warten, dass das Wasser heiß wird. Vorher werden die Kerne in der Schale und mit Gewürzen gekocht und dann getrocknet (soweit natürlich industriell). Dann kauft man sie und nimmt den Kern mit der Spitze zwischen die Schneidezähne, knackt die Schale, knackt die Schale ein Stück weiter hinten und dann schnellt die Zunge vor und zieht den Kern aus der Schale. Die können das in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Ich nicht. Ich brauch knapp 45 Minuten bis es mir zum ersten Mal gelingt. Mittlerweile schaffe ich es in den meisten Fällen zumindest an den Kern zu kommen. Und ja muss ich überhaupt noch erwähnen, dass auch dieses Zeug unterwartet gut schmeckt? Mit vollem Bauch und mit der U-Bahn geht es nach Hause. Dort wartet Lin Sheng mal wieder mit einer Überraschung auf mich. Wir haben einen Wasserschaden. Irgendwo in unserem Wasserzulauf ist wohl ein Leck, zumindest erkennt man das an der Wand. Aber die Handwerker werden wohl morgen vorbeikommen und sich das dann mal anschauen. Wen kümmerts?

Qibao 2.0 Immer noch schön und immer noch wahnsinnig viel zu sehen.

Sonntag, 7:20 die Tür wird beinah eingeschlagen. Ich stehe kerzengerade im Bett. An der Wohnungstür erwarten mich drei Chinesen, die sich direkt einmal in die Wohnung drängen und mich anfangen auf Chinesisch zutexten. Mittlerweile haben es auch die anderen beiden aus den Betten geschafft. Ja das sind die Handwerker.  Ja sie fangen jetzt an zu arbeiten. Ja das wird den ganzen Tag dauern. Ich verkrieche mich wieder in meinem Bett. Das ohrenbetäubende Geräusch kurz darauf, als sie beginnen ein Loch zu bohren (ein großes Loch – wirklich groß und wirklich laut), macht meine Hoffnungen auf weiteren Schlaf endgültig zunichte. Ich lerne chinesisch, aber nach kurzer Zeit gibt es eine weitere Geräuschquelle aus dem Treppenhaus. Das Gezeter einer etwas älteren Frau. Ich stecke meinen Kopf aus der Tür (das hätte ich besser nicht getan) und der Kopf der Frau ruckt hoch: „Ni! Ni!“ Ist alles was ich verstehe, aber es bedeutete „Du! Du!“ und mit dem entsprechenden Unterton ist sogar mir klar, dass es nichts Gutes zu bedeuten hat. Der „guo ren“ scheint die Wurzel allen Übels zu sein. Sobald Lin Sheng auftaucht, wird sich über mich beschwert. Er lacht, dann schimpft er zurück. Nach 5 min, weiß dann auch ich, dass die Wäsche der Frau nass geworden ist, weil jemand seine Blumen gegossen hat. Das war natürlich nicht ich. Sondern irgendwer in den 6 Stockwerken über uns aber nun gut. Warum nicht, hauptsache mal Stunk gemacht. Ich mache mich schlussendlich nach dem Lunch auf dem Weg ein bisschen von Shanghai zu erkunden. Ziel ist Xujiahui, ein weiterer Teil von Xuhui. Ich laufe eine Katehdrale ab, die vor 40 Jahren noch weit und breit, das höchste Gebäude in Xuhui war. Sie wird renoviert. Die anliegende Bibliothek auch. Schade. Aber nun gut, mein Weg führt mich weiter durch kleine Parks und einfach durch das Stadtviertel.

Grünflächen in Shanghai. Hier wird sich echt Mühe gegeben, dass an jeder kleinen Ecke dann am Ende doch noch ein bisschen Grün zu finden ist.

Zwischendurch komme ich an einem Plakat vorbei, dass die erste "Yangtze River Delta Cultural Heritage Exposition" bewirbt. Und da es auf dem Weg liegt, schaue ich rein. Andi in einer Kunstausstellung, aus freien Stücken. Junge, es geschehen echt noch Zeichen und Wunder. Ist aber nebenbei mein Glück, denn dort zeigen sie neben den Kunstwerken von aktuellen Künstlern, auch die Künstler selbst, die sich den alten Methoden zugeschrieben haben. Und das Beste: Es wird fast alles auch währenddessen gemacht. Es wird Papier geschöpft, mit Tusche gemalt oder geschrieben und sogar gestickt. Auf 4. Etagen kann man das dann ganz ohne Eintritt bewundern und prinzipiell auch käuflich erwerben. Mein eigentliches Ziel ist aber der wirklich große Longhua Park und der angrenzende Longhua Tempel und so geht es nach knapp 1,5h weiter. Der Tempel ist nebenbei Buddha geweiht und existiert bereits seit 997. Ein Mönch erklärt mir auf Englisch was über Buddha und so lerne ich auch noch was. Der Tempel hat mehr als 10 Hallen, sieht beeindruckend aus und hat eine gewaltige Glocke, die mehr als 6 ½ Tonnen wiegt. Wofür auch immer man so eine große Glocke braucht. Mein fußläufiger Trip dauert knapp 5,5 h und um 17:00 bin ich wieder zuhause. Die Handwerker sind fast fertig und die Wohnung sieht aus wie sau. Anstatt das Leck zu suchen, haben wir jetzt einfach komplett neue Leitungen. Jetzt aber natürlich überirdisch und weil das ja normalerweise in der Wohnung nicht ganz so praktisch ist, verlaufen die hauptsächlich im allgemeinen Treppenhaus. So wird das in China gehandhabt. Jetzt verstehe ich auch, woher die ganzen Rohre und Leitungen an den Häusern hier herkommen. Dann fahre ich noch zum Badminton. Und nach 2,5 Stunden Sport bin ich dann wirklich erschlagen. Der Blog wird wohl warten müssen, ich falle nur noch ins Bett.

Longhua Tempel. Eingang, Pagode, Ornamente und der Beginn der Magnolien-Blüte.

(Aber nächste Woche versuche ich mich wieder an den Sonntag zu halten… oder zumindest euren Montagmorgen….)

Bis dahin alles Liebe,

euer Andi

 

Learning Chinese & das kleine 1x1 der Waschmaschine

Montag, 07.03.2016

Eintrag Nummer zwei. Ich bin müde. Bei euch ist es Nacht, bei mir ist es bereits wieder morgen. Die Tage hier sind lang und das mit dem früh schlafen gehen, klappt irgendwie auch nie. Im Vergleich zu der ersten Woche verging diese wie im Flug. Aber wie auch beim letzten Mal fange ich von vorne an.

Die Woche beginnt mit einem „Geburtstagskuchen“, auch wenn er hier aus einem Apfel, einer Banane und – weil der „de guo ren“ ja so groß ist – sogar einer zusätzlichen Orange besteht. Liu Kou strahlt beim Aussteilen über beide Backen. Obst zum Geburtstag scheint aber auch nur in Teilen Chinas üblich zu sein, große Teile zelebrieren den Geburtstag mittlerweile im „Western Style“ - mit Sahnetorte. Ansonsten ist der erste Tag (wie auch die nächste Tage) eher ruhig. Ich fasse Fuß im Institut, lerne jeden Tag neue chinesische Vokabeln und vergesse ein paar mehr – zumindest fühlt es sich so an. Aber dafür habe ich ja jetzt chinesisch Unterricht, es ist Montagabend und um 18:00 mache ich mich auf dem Weg zur Schule – durchs wunderschöne und lebhafte Xuhui. Die French Concession bei Nacht ist wie Sachsenhausen. Mit vielen kleinen Bars, Lokalen und naja… mit sehr viel mehr Suppenküchen. Das Leben ist hier einfach anders. Es dampft an jeder Ecke, in den kleineren Straßen stehen die Tische fast auf der Straße, andere haben Fahrräder mit angebautem Gasgrill, da wird dann spontan eine Küche aufgemacht. Ein Wok, ein Feuer und fertig. Und wenn mal die Polizei um die Ecke kommt, wird in aller Seelenruhe eingepackt und weitergefahren. Schon klasse. 5 min später, ich steh vor einem Shopping Center, die Adresse ist richtig. Hier soll mein Unterricht stattfinden. Also gut. Aufzug, 5. Stock und tatsächlich, da findet sich neben einem Reisebüro auch meine Schule. Die Klassenräume erinnern an etwas größere Umkleidekabinen mit Tafel. Naja vielleicht auch an unseren Seminarraum während dem Master. Der Unterricht beginnt, Thema: Aussprache x, j, q, c, z sh, ch, zh. Zwei Stunden später habe ich einen Knoten in der Zunge. Ich kenne den Unterschied, ich weiß wie ich es aussprechen soll, nur den Ton dann auch hinzubekommen… Chinesisch ist echt eine Herausforderung. Auf dem Rückweg nehme ich die U-Bahn. Das ist hier echt einfach. Wenn man weiß wo man aussteigen will. 21:00, Lin Sheng ist auch gerade nach Hause gekommen. Zwei weitere Stunden chinesisch-englisch Austausch. Mein Kopf brummt. Vorm schlafen gehen, frage ich nach der Waschmaschine. Ob er wüsste, wie man die bedient. Alles chinesisch und für meine Geschmack ein bisschen zu viele Rädchen und Tasten deren Bedeutung ich nicht kenne. Er weiß es scheinbar auch nicht wirklich, er meint es ist alles das gleiche. Parallele Europa-Asien, Kerle haben keine Ahnung wie man richtig Wäsche wäscht.

Das Essen dieser Woche. Das Essen in der Kantine, der famous Reisball, Hotpot, Dumplings und Noddle Soup.

Nächster Morgen, nächster Versuch. Ich frage Zhou Jing. Antwort: Alles das gleiche. Also gut dann wird heute Abend einfach mal ausprobiert. Auf dem Weg zum Institut bin ich mit Wang Yue verabredet. Diese Woche steht im Zeichen des Frühstücks. Aufstehen 7:20, Treffen 7:45 an der Xiaomuqiao Lu (gesprochen: chiaomutchiao –naja so ungefähr) – es bedeutet „kleine, hölzerne Brücke“. Ich werde in dieser Woche, Baozi, eine frittierte Brotstange, Reis mit dieser frittierten Brotstange, Pfannkuchen mit dieser frittierten Brotstange und irgendeinen anderen Reisball zum Frühstück haben. Vielleicht stand die Woche auch im Zeichen der frittierten Brotstange. Schmecken tut es jedenfalls gut. Ich gewöhne mich echt an den Essensrhythmus. Ich lerne chinesisch, lese über Shanghai und abends erwartet mich die Waschmaschine. Lin Sheng wäscht bereits. Programm III. Es läuft bereits knapp zwei Stunden. Wir kümmern uns um die Küche, räumen auf und reden chinesisch/englisch. Mittlerweile 21:30 die Waschmaschine ist immer noch am Waschen. Irgendwas stimmt da nicht. Die nächste halbe Stunde wird wild an allen Knöpfen und Rädchen gedreht und beobachtet was passiert, Buch geführt und das Ergebnis: Sie beginnt erst mit dem Waschen, wenn sie die angegeben Temperatur erreicht hat (solange dreht sie nur die Wäsche und spült mit Wasser). Problem: Entweder kann sie nicht warm oder aber sehr viel wahrscheinlicher der Temperaturfühler ist kaputt. Lösung: Temperatur auf „aus“ stellen. Die Maschine beginnt und das ein leises Ticken begleitet den Waschgang - das Geräusch einer Eieruhr kann sich anfühlen wie Erleuchtung. 00:30, die Waschmaschine ist nicht fertig, aber ¾ voll mit Wasser und macht gar nix mehr. Lin Sheng resigniert, stellt auf aus, das Wasser wird abgepumpt und er wäscht die Wäsche in der Dusche weiter. „Tomorrow, your turn“ sagt er mit einem Grinsen.

Mittwoch, der Tag ist wie die beiden davor – ruhig. Abends gehe ich mit Wang Yue und Yu Wei eine Shanghainesische Berühmtheit essen. Einen Reisball mit Füllung. Ich soll bestellen. Ich lerne den Satz, sage ihn auf, der Kopf der Kassiererin neigt sich etwas und schnellt dann zu Yu Wei, ich verstehe „shen me“ und „dui“. Das eine bedeutet „Was?“, das andere bedeutet „Ja“ oder „richtig“. Der Reisball ist zumindest echt gut, mein chinesisch lässt wohl noch zu wünschen übrig. Auf dem Rückweg – diesmal zu Fuß – finde ich einen Hello Kitty Roller, das Klischee kann man echt bestätigen, die meisten Asiaten mögen Pink, das sieht süß aus sagen sie. Zuhause, Waschmaschine Programm C. Währenddessen, kümmern wir uns ums Wohnzimmer. Wir räumen etwas um, und Zhou Jing hat eine Dartscheibe gekauft. Für die Couch hat sie auch einen Überwurf gekauft – er ist Pink und ist gepflastert mit Hello Kitty. Lin Sheng ist begeistert. Ich werde es überleben. Ein Blick auf die Waschmaschine zeigt, sie ist wieder randvoll mit Wasser, sie steht mittlerweile auf E. Zwanzig Minuten Diskussion ergeben, E steht wohl für Softening. Nun gut, dann drehen wir einfach mal weiter auf F. Die Waschmaschine gluckert und fängt an zu schleudern. Projekt Waschmaschine scheint doch nicht so hoffnungslos.

Welcome to Asia. Welcome to Hello Kitty.

Die restlichen Wochentage werden ergeben: Meine Waschmaschine hat 3-mal denselben Programmablauf. Für Standardfasern, empfindlichere Fasern und für sehr empfindliche Fasern. Jeweils mit Waschen, Spülen, Einweichen, Schleudern und Trocken. Die Waschmaschine kann nämlich auch heizen. Aber scheinbar nur am Ende und nur ohne Wasser. Die Programme dauern unterschiedlich lang, sind aufgeteilt in Normal, Schnell und Express. Das kürzeste Programm dauert knapp 50 min ohne Trocken.

Freitags, habe ich wieder chinesisch Unterricht. Mehr Aussprache, noch habe ich kein Wort chinesisch im Chinesisch Unterricht gelernt, aber zumindest habe ich das Gefühl, dass wenn ich manchmal was sagen, die Leute um mich verstehen was ich sagen will. Wenn ich es oft genug wiederhole. Mein persönliches Highlight: Am Mikroskop, lerne ich mal gerade so nebenbei, Imperfekt, Präsens und Futur. Innerhalb von 2 Minuten. Alles was es braucht sind: „zhou tian“, „tian“ und „ming tian“ – gestern, heute, morgen. Keine Konjugationen, keine Tabellen, einfach eine Zeitangabe und ein Verb. Fertig. Grammatik kann so einfach sein. Abends lerne ich mittlerweile die chinesischen Zahlen - beim Dartspielen. Jeden Abend spielen wir mittlerweile. Wu, shiba, sanshisi, qi, ershi, bashijiu!!! So geht das echt einfach. Freitagnacht, 2:30 Rückkehr von dashu. Ich werde korrigiert. Da Lao shu. Es kratzt. Klingt als wäre sie unter uns. Jetzt sind die anderen tatsächlich etwas beunruhigt. Die Küchentür wird geschlossen. Und es geht schlafen.

Samstagmorgen, wir kaufen eine Rattenfalle. Es ist ein faltbares DinA4 Blatt und wenn man es aufklappt mit einer klebrigen Paste angestrichen. Mit anderen Worten es erinnert sehr an diese Klebestreifen, die man manchmal gegen Fliegen aufhängt. Ob das klappt? Dann geht es für mich nach Qibao. Die Altstadt von Shanghai. Und hier trifft wirklich Tradition auf Moderne. Da wird ein riesen Shopping Center gebaut und direkt davor stehen noch die alten Häuser mit den traditionellen Dächern. Bilder wie aus dem Reisebüro. Überall gibt es essen, Schweinefüße, Dumplings, Süßigkeiten, Nüsse, alles Mögliche. Wir (Wang Yue begleitet mich) drücken uns durch die Gassen, Feeling wie am Weihnachtsmarkt.

Eindrücke aus Qibao. Die Gassen der Altstadt, die alte Qibao Pagode und der alte Qibao Park.

Noch mehr Eindrücke aus Qibao. Unten links sieht man bereits den Qibao Temple im Hintergrund.

Und dann erreichen wir Qibao Temple. Und einfach faszinierend, kaum ist man hinter Tempelmauern hört man kaum noch was vom Lärm der Stadt. Hier herrscht eine eigene Ruhe. Insence Sticks brennen, Statuen von Göttern, steinernen Wächtern, Opfergaben (Obst) und ein Münzbrunnen. Qibao Temple hat eine Pagode, die sogar betretbar ist. Es geht rauf bis in den siebten Stock, nur leider sind die Fenster verschlossen. Die Aussicht auf die Altstadt ist aber beeindruckend, zumindest was man so erkennen kann. Es geht noch durch den Tempel Garten, dann treffen wir Yue Wei und Huang Xiu Zen zum Hotpot (Bild siehe oben). Das ist wie Fondue nur mit Brühe, anderen Zutaten und dass es anders aussieht. Es schmeckt köstlich, zweimal werden Zutaten bestellt und beide Male werden die Teller gestapelt, weil der Tisch nicht groß genug ist. Ich esse Ziegenfleisch, Lotuswurzel, Rindermagen, gekochten Salat und Variationen über Variationen an Tofu. Gefroren, gehackt, gewalzt. Nach 2,5 h sind wir satt, für alle die Bedenken hatten ich würde abnehmen, ich bin anderer Meinung. Preis pro Person knapp 12 Euro. Wenn man weiß wo man essen gehen kann, kann Shanghai echt günstig sein. Verdauungs-Spaziergang durch das nächtliche Xuhui, einen anderen Teil. Alles blinkt, leuchtet, in den Parks tanzen die Menschen zu Musik oder machen Sport. Es sind noch 16 °C, es geht auf 22:00 zu. Die letzten drei Tage war das Wetter spitze, mittags bis zu 23°C. Morgen soll es aber regnen. Um 23:00 geht es dann mal auf den Weg nach Hause. Dort wird wieder Dart gespielt und geschwatzt, schon wieder bis kurz nach 2.

Qibao Temple

Der Blick vom Garten auf den Tempel, die Eingangstafel zum Garten, die Pagode, die Tempelglocke und der Weg durch den Garten.

Sonntagmorgen, 13:00. Ausgeschlafen. Lin Sheng steht auch gerade erst auf. Zhou Jing ist bei der Arbeit. Ich gehe einkaufen, lerne chinesisch, schreibe Protokolle von der Woche zusammen. Nachmittags, 17:00 machen wir uns auf den Weg zum Badminton. Wegstrecke 2,5 km. Ich frage ob wir laufen. Nein, Uber. Unglaublich, Uber (wie Taxi nur von Privatpersonen und in günstig) hat es bis nach China geschafft. 2 Minuten später ist unser Uber Driver da. Ich bin der einzige der sich anschnallt – natürlich. Der Verkehr ist gut, mit zwischenzeitlich 90 km/h geht es durch die Innenstadt, es wird gebremst, die Spuren werden von ganz links nach ganz rechts gewechselt – ob mit oder ohne Blinker – und irgendwie wird aus Prinzip alle 100 Meter gehupt. Nach zwei Minuten verstummt das penetrante Warngeräusch zum „Bitte Anschnallen“, das Lämpchen aber leuchtet weiter. Kurz darauf sind wir auch schon da. Es sieht aus wie meistens. Kleine Lädchen links und rechts, viel rote Leuchtschrift. Eine Sporthalle sehe ich nicht. Zwischen zwei Läden geht es dann in einen Eingang, es wirkt wie ein Wohnhaus. Wir fahren in den 7. Stock und zack, da ist sie. Eine riesige Turnhalle. Das hätte ich nun wirklich nicht erwartet. In meiner Vorstellung sind Turnhallen irgendwie immer am Boden. Knapp 3 Stunden spielen wir Badminton. Es kommen noch einige Arbeitskollegen von Zhou Jing. Wenn ich spiele, fühle ich mich wie im Zoo. Es kommen immer wieder Chinesen, gucken uns zu und machen Fotos. Am besten mit sich im Vordergrund um mit dem „de guo ren“ im Hintergrund. Etwas gewöhnungsbedürftig… aber gut. Anschließend gehen wir zum Dinner, Nudelsuppe mit Schweinebauch. Erschlagen geht es nach Hause. Da lao shu hat sich noch nicht bereitgefunden in die Falle zu tappen. Ich falle auf mein Bett. Nach der Dusche widme ich dem Blog, aber er wird wohl erst Montag früh fertig werden. Ich muss noch chinesische Zahlen üben gehen.

 

Die Reise durch die Welt der Dumplings beginnt...

Sonntag, 28.02.2016

Hallo meine Lieben (und alle, die diese Seite auch so gefunden haben)!

Sieben Tage bin ich mittlerweile in Shanghai und doch fühlt es sich so an als wäre ich bereits seit Wochen hier. Jeden Tag gibt es so viele neue Dinge zu sehen und zu erleben, dass ich abends immer direkt ins Bett falle. Aber ich fange vielleicht einfach mal von vorne an.

Sonntag 22. Februar 9:30, Abflug Frankfurt - Goodbye Deutschland… 29 Minuten später Ankunft Zürich und 2,5 h Aufenthalt. Schön viel Zeit um sich Gedanken zu machen. Wenn ich vorher aufgeregt war, dann war ich in Zürich wohl so richtig aufgeregt und naja auch richtig nervös. 6 Monate China, mit vielleicht ein bisschen wenig Planung meinerseits, aber mir wurde ja immer wieder versichert, es wird sich alles vor Ort klären. Dann 12:55 – ein letzter Blick auf die Alpen und es geht nach Shanghai. An dieser Stelle mal ein Lob an Swiss Air… Ich glaube, ich hatte noch nie so einen ruhigen und angenehmen Flug. Und nach 11,5 Stunden Flug durch die Nacht betrete ich um 8:22 Ortszeit (es ist mittlerweile Montag) chinesischen Boden. Glücklicherweise, werde ich abgeholt und es geht mit dem Auto nach Shanghai City und nach kurzem Check-In im Hotel, direkt ins Labor (entgegen der vielen ermunternden Foren-Beiträge, ist der Weg mit der U-Bahn, wie ich mittlerweile weiß, nämlich dann doch nicht so einfach – vor allem ohne Chinesisch-Kenntnisse). Der Empfang im Institut war wirklich herzlich. Ich bin der erste „wai guo ren“, der erste Ausländer im Institut, der länger bleibt und neben den tausend Fragen gibt es auch tausend Dinge, die erledigt werden müssen. Und der wai guo ren bereitet auch so einige Schwierigkeiten. Zum Beispiel ist mein Name zu lang und es ist auch kein Zweitname in den chinesischen Formularen vorgesehen. Das heißt für die zwei Postdocs, die mich am Anfang unterstützen dürfen, jede Menge Telefonate, jede Menge Diskussionen und für mich jede Menge Wartezeit :)

Links. Auf dem Weg durch Xuhui während der Wohnungssuche. Rechts. Dumplings bei Yang's Fried Dumplings und Xuhui bei Nacht.

Mittlerweile ist es 14:00, Lunch war bereits um 11:30, und wir starten mit der Wohnungssuche. Ach ja, ich habe vergessen zu erwähnen, es regnet. So richtig – Shanghai liebt mich. Die nächsten vier Stunden heißt es Agenten aufsuchen und davon gibt es viele. Sehr viele. Manche Straßen sind förmlich damit gepflastert. Jedes Mal dasselbe Spiel, Wang Yue erklärt worum es geht, was ich suche, wenn ich angeguckt werde nicke ich und nach 5‑10 min werden mir Fotos gezeigt. In seltenen Fällen geht es auch mal direkt zu einer Wohnung. Dann wird sich bedankt und es geht weiter durch den Regen, schließlich gibt es noch sehr viele andere Angebote. Fazit, zwei nasse Füße, keine Wohnung aber viele Visitenkarten. Bevor wir uns dem nächsten Thema widmen, soll es aber essen geben und ich versuche Yang’s Fried Dumplings zu erklären. Leider ohne Erfolg. Aber Dumpling kann ich verständlich machen. Scheinbar mag Wang Yue auch Dumplings, denn mir wird versichert „O.K. I know delicious dumplings! I like very much“ und nach 10 min – siehe da – stehen wir vor Yang’s Fried Dumplings. Das steht da zwar groß drauf, aber auf Chinesisch wird das A.) ganz anders ausgesprochen und B.) es heißt wohl auch nicht „fried dumpling“. Und dann endlich der erste Dumpling und der Flug, der Regen, das Laufen – es hat sich alles gelohnt. Ich bin glückselig. Anschließend gilt es mir ein Handy zu organisieren samt chinesischer SIM-Karte. Im Technik-verliebten Asien geht das erstaunlich schnell und einfach. Aber auch hier gibt es wieder viele wunderschöne Formulare und ich verstehe wiedermal kein Wort. Danach geht es dann zurück zum Institut. Morgen soll die Wohnungssuche weitergehen und es warten wohl auch noch ein paar andere Formulare auf mich. Ankunft im Hotel 21:45. Mein erster Tag in Shanghai ist vorbei. Ich habe noch 175 weitere Tage vor mir und eins ist klar, das wird großartig.

Dienstag, Brot aus dem Supermarkt nebenan zum Frühstück. Es ist 8:30. Zwei Minuten Fußweg zum Labor. Weitere Formulare, weitere Telefonate, weitere Wartezeiten. Ich versuche derweil die Namen der anderen zu lernen. Das klingt einfach, ist es nur leider nicht. 11:30 Mittagessen. Es hat sich herumgesprochen, ich mag Dumplings. In den kommenden Tagen wird kein Tag vergehen ohne, dass mir Dumplings gezeigt oder mitgebracht werden. 14:00, die gute Nachricht: Ich bin im Institut offiziell registriert. Die Schlechte: Ich kriege keine Wohnung für 6 Monate alleine. Für so einen kurzen Zeitraum wird nicht vermietet. Neuer Plan WG. Also wiederholen wir das Spiel von gestern, nur der Regen hat aufgehört. Währenddessen wird mir nai cha vorgestellt. Das ist Milch-Tee. Schmeckt kalt, süß und wie Grüntee mit Milch. Untypisch, aber gut. Damit geht’s zu einer Wohnung. Das Hochhaus sieht nicht allzu alt aus. Check. Das Treppenhaus ist sauber. Check. Die Tür gut abschließbar. Check. Die Wohnung total zugemüllt……….. Aber keine Sorge, es wird alles aufgeräumt und morgen kommen noch das „Cleaning personal“. Nun gut, im Vergleich zu dem bisherigen der absoluten Spitzenkandidat. Also Check – Wohnung ist drin. Zurück zum Labor. Paper lesen steht an, morgen ist Journal Club, zum Leiden aller anderen ab jetzt auf Englisch. Aber weit komme ich nicht. Es ist kurz nach 20 Uhr, die Zeit fliegt und das Bett ruft.

Mittwoch, Check-Out aus dem Hotel 8:47. Warmes Frühstück in der Kantine, Paper lesen, 11:30 warmes Mittagessen in der Kantine. Ich bereite mich aufs einziehen vor. Dafür geht es zu IKEA. Ja IKEA gibt es auch in Shanghai. Und es gibt alles was es auch bei uns gibt. Und noch ein paar extra Dinge… Fusselbürsten zum Beispiel. Die scheinen der absolute Kundenmagnet zu sein. Gibt es bestimmt an 5 Orten im IKEA und überall stehen ganze Trauben an Chinesen und testen die Fusselbürste… Aber viel spannender als die Bürste, war die Busfahrt zum IKEA. Der Verkehr ist sicherlich nochmal ein Thema für sich, aber so viel schon Mal vorweg: Es wackelt, man schwingt von einer Vollbremsung in die nächste und dabei wird eigentlich durchgehend gehupt. Diese Achterbahn fahrt kann man dann bereits für 2 Yuan - egal wie lange man im Bus bleibt - erwerben. Ach so, das sind übrigens ca. 25 Cent.

IKEA und Köttbular auf Chinesisch. Und ein lässiger Hund^^

Auf dem Rückweg (wir fahren zur Wohnung) nutzen wir die U-Bahn und ich bekomme auch meine eigene Metro-Card. Somit steht mir das ganze U-Bahn und Busnetz Shanghais für die nächsten 6 Monate offen. Es gibt hier nebenbei für alles Karten. Die junge Generation hat hier mittlerweile für fast alles irgendeine Karte oder zahlt per QR-Code. Mit dem Agenten geht es direkt zu meinem neuen Heim. Das Cleaning Personal entpuppt sich als älteres Ehepaar, die den wai guo ren „unauffällig“ mustern. Wenn man sie erwischt, lächeln sie ein wenig (vermeintlich?) schuldbewusst. Irgendwie sympathisch. Zurück auf die Straße, ich brauche noch ein Schloss für meine Zimmertür und vor allem meinen eigenen Satz Schlüssel. Kein Problem 3 Minuten Fußweg und wir sind an einer Art Mischung aus Kiosk, Supermarkt und Schlüsseldienst. 10 min chinesische Verhandlung (ich betrachte den anliegenden Obstladen und den Verkehr) und es geht wieder zurück zur Wohnung. Ich würde gerne mehr machen, aber ohne Chinesisch geht hier wirklich nichts. Zumindest nicht im daily life. 100 RMB – der Preis für Schloss und Schlüssel. Ich lerne Komplimente zu machen „Das ist professionell“, ich kriege es kaum über die Lippen – Ich brauch wirklich bald Chinesisch Unterricht. Es geht wieder zum Labor. Es ist 18:30, Journal Club. Thema: Makrophagen und Lineage Tracing, ein Paper – zwei Stunden Diskussion. Anschließend geht es mit Koffer zu Fuß wieder zur Wohnung, mittlerweile kenne sogar ich den Weg. Mein dritter Tag in Shanghai geht zu Ende, zu Ende in meiner Wohnung für die nächsten 6 Monate. Fühlt sich ein wenig heimelig an. Und kalt. Es ist kurz vor 9 und draußen sind es 4°C. Ab morgen wird es etwas wärmer. Meine Klimaanlage kann scheinbar auch warm. Aus Erfahrung: Mit Geduld findet man die entsprechenden Tasten auf der Fernbedienung.

Donnerstag, 7:30. Es ist kalt. Scheinbar habe ich einen Timer gesetzt. Egal ich treffe Wang Yue in um 8:15 an der lokalen Polizeistation. Ich brauche eine Bescheinigung über meine „Temporary Residence“. Das geht erstaunlich schnell. Ein Stempel, eine Unterschrift, meine chinesische Telefonnummer, man wird mich wohl zwischendurch mal anrufen und fragen wo ich denn so bin. Anschließend Frühstück: Dumplings – Baozi. Und eine Art süßen, roten Reisschleim – wie Haferschleim nur mit Reis und um Welten besser. Shanghai Streetfood ist göttlich. Im Labor lerne ich meine Betreuerin kennen: Yu Wei. Das Projekt auch und ich lese Paper darunter Shizuka Uchida über Sca-I. Frankfurt grüßt. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt um 11:30 Mittag zu essen. Die Kantine ist ibanban – solala. Es gibt ca. 40 Gerichte (die täglich zum Großteil wechseln), man zeigt mit den Stäbchen auf das was man haben will und anschließend bekommt man eine kleine Schüssel davon gereicht. Man wählt 3-5 Gerichte, nimmt sich eine kostenlose Suppe, denn Getränke gibt’s hier nicht zum Essen, und dann wird losgelegt. Mittags geht es nochmal einkaufen, diesmal zum Carrefour – einem großen Supermarkt und immer in chinesischer Begleitung, das hat den Vorteil, dass man A.) weiß wo man hinmuss, B.) man im Supermarkt direkt alles findet und C.) man auf dem Rückweg immer irgendwo einen Dumpling bekommt (und zwar ohne großen Aufwand). Wenn ich alleine unterwegs bin, dauert das etwas länger – aber man bekommt am Ende immer was.

  Jiaozi - einfach göttlich. Die etwas umständlichere Art und Weise Dumplings zu bestellen.

Man weiß nur nicht genau was. Nachmittags geht es wieder zum Agenten. Wir müssen die Original-Verträge zurückgeben, die wir für die Registrierung bei der Polizei bekommen haben und anschließend gibt es in der Kantine Dinner: Jiaozi – Dumplings. Auf dem Nachhauseweg, ich laufe circa 20 min, kaufe ich mir eine Drachenfrucht. Junge, schmeckt das Zeug hier gut. Zuhause ist es kalt. Den Timer habe ich gefunden, warm wird die Wohnung trotzdem nicht so richtig. Nach einem Geistesblitz, widme ich mich den beiden anderen Klimaanlagen in der Wohnung. Eine Stunde später bin ich an Erfahrung reicher und weiß, dass man nicht einfach so eine Klimaanlage bedienen kann. Mir scheint jedoch, dass sich die Anzahl an Tasten antiproportional zur Schwierigkeit verhält. Auch wenn ich keine der beiden zum Laufen bekommen habe, schaffe ich es bei 5 Tasten noch die Temperatur einzustellen, bei 3 Tasten gelingt mir nicht mal mehr das.

Freitagmorgen. Fußweg zum Labor. Die Sonne scheint, zwei baozi in der Hand. Wenn ich es mir recht überlege hatten sie Recht. Es ließ sich tatsächlich alles ganz einfach und schnell klären. Auch wenn mir diese Woche bisher schon wie eine Ewigkeit (positiv) vorkommt. Heute gibt’s entsprehend wenig zu tun. Ein ganz klein bisschen Laborarbeit, aber vielleicht an anderer Stelle dazu mehr. Heute gilt es zu entspannen. Ich suche nach Sprachkursen, lese über Shanghai und plane mein Wochenende. Tiefentspannt geht es nach Hause. Morgen kommen meine Mitbewohner und darunter auch meine Vermieterin. Ich soll nochmal alles kontrollieren und stelle fest, die Küche hat kein Licht, aber zumindest das Wasser funktioniert. Auf dem Weg zum Wohnzimmer kratzt etwas über Metall in der Küche und siehe da ich habe einen Mitbewohner. Eine schöne aber etwas dürre Ratte. Die anscheinend genauso überrascht ist wie ich, denn sie versucht fluchtartig aus dem Spülbecken zu fliehen. Ich hingegen verschließe fluchtartig die Küchentür. Meine Tiefenentspannung ist weg. Aber gut, hier gilt es halt mal wirklich was zu erleben. Die nächste halbe Stunde widme ich der detaillierten Untersuchung der Küchentürumgebung. Scheint keinen weiteren Ausweg für Dashu (chin. Ratte) zu geben. Ab und zu glaube ich etwas aus der Küche zu hören, aber die Ratte bekomme ich trotzdem nicht wieder zu sehen. Aber auch das wird sich lösen lassen.

Samstag, 9:30 und ausgeschlafen. Kurze Zeit später, klopft es – nein – hämmert es gegen die Tür. Scheinbar kann man chinesische Türen wenn man sie von innen abschließt von außen nicht mehr öffnen. Eine Flut von 8 Chinesen erobert die Wohnung. Für die nächsten 2 Stunden wird hier alles untersucht, verändert, repariert und an sich frei nach dem Motto „Hauptsache einfach mal angefasst“ vorgegangen. Mein Schild mit Achtung Ratte führt zu einer kleinen Diskussion, aber da keiner der Acht Englisch spricht, kann ich leider nicht folgen worum es genau geht. Irgendwann in den zwei Stunden kommen auch meine Mitbewohner, sie können immerhin grundlegendes Englisch. Mir erscheinen sie nett, mit Ye Lin Sheng bekomme ich direkt einen Deal: Englisch gegen Chinesisch. Er ist total happy, dann diskutiert er mit den anderen acht und teilt mir freundlich mit, ich werde ein etwas längeres Bett bekommen, weil das hier ja doch relativ kurz aussieht. Was soll ich sagen? Mir scheint der Deal ist gut. Mittags geht’s zum Labor (da gibt’s Internet) und auch die anderen kann ich da treffen. Anschließend geht es zum Sightseeing. Heute begleitet mich Hé Língjiān und zeigt mir ein wenig die Umgebung des Instituts, die French Concession. Hier ist fast jede Straße von Pappeln gesäumt, auch wenn sie noch nicht belaubt sind. Hier werden auch die unglaublichen Unterschiede, die in Shanghai überall zu sehen sind besonders deutlich. Kleine, total verkabelte und manchmal etwas windschiefe Häuser stehen direkt neben modernen Hochhäusern. Wir bummeln durch Tianzifang, eine Ansammlung an Chinese Arts & Crafts Shops. Dann geht es weiter durch Xuhui, wir besuchen die Häuser ehemaliger chinesischer Revolutionäre, Parteiführer und der weiteren (die Namen kann ich mir aber leider nicht merken).

Links. Mitten in Tianzifang. Rechts oben. Abends auf der East Nanjing Road. Rechts unten. Blick auf Pudong bei Nacht und den Pearl Tower, das Wahrzeichen Shanghais.

Abends geht’s zum Essen zur Nanjing Dong Lu, der Hauptfußgänger Zone Shanghais, dort geht es dann in einem kleinen Supermarkt versteckt eine Treppe nach oben. Es gibt Dumplings. Wieder eine andere Art. Die chinesische Küche ist echt köstlich. Und weil es einfach ein Must-See in Shanghai ist, geht es am ersten Sightseeing Tag natürlich auch noch zum Bund um den Blick auf Pudong zu genießen. Mit der U-Bahn geht’s nach anschließend nach Hause. Chaos. Dort herrscht wirklich absolutes Umzugschaos. Alles steht voller geöffneter Umzugskisten, der Inhalt halb in der Wohnung verteilt, meine Gedanken gleiten zu Dashu - die Küchentür ist offen. Scheinbar ist aber nur Ye Lin Sheng heute eingezogen, das Mädel kommt wohl morgen? Lin Shen fragt ob wir später noch ein wenig Englisch-Chinesisch tauschen wollen. Why not? 2 Stunden später bin ich nun wirklich platt. Ich hätte nicht gedacht, dass das so schwer sein kann. Wörter austauschen ist noch einfach, aber auf die Frage warum in den Lehrbüchern und auch bei mir immer „(to)“ vor Verben steht, weiß ich so schnell keine Antwort. Wie erklärt man was ein Infinitiv ist, für jemanden dem das Konstrukt eines Infinitivs komplett fremd ist? Nach einem weiteren langen Tag geht es endlich ins Bett, im Nachbarzimmer kann man Lin Shen wieder räumen hören.

Sonntag. Hammer Wetter. Gestern war ja bereits schön aber heute 17 °C Sonnenschein und der PM 2.5 (Smog-Value) ist auch noch ok. Als ich mein Zimmer verlasse wartet eine Überraschung. Die Wohnung ist aufgeräumt. Dafür zieht heute das Mädel ein. Egal erstmal geht’s zum Labor. Heute will ich nach einem Sprachkurs gucken und Internet gibt es nach wie vor nur im Labor, aber Lin Shen meint, ab heute Abend wohl auch bei uns. Sprachkurse gibt es viele in Shanghai. Einer liegt relativ nahe beim Institut. Kurzes Telefonat und klar – ich soll einfach mal vorbei kommen also dann raus auf Shanghai's Straßen. Der Weg führt mich nochmal durch die French Concession. Einfach schön hier. Auf dem Weg begegne ich auch wieder einmal einem der „kleinen Transportunternehmen“ auf Fahrrädern. Dieser scheint Altpapier zu sammeln und zu transportieren. Die gibt es hier wirklich für alles Mögliche und fast jeder ist auf unmögliche Weise bepackt. Hier stört das aber niemanden. Es gehört einfach zum alltäglichen Bild.

Haus in der French Concession und das kleine Transportunternehmen.

In der Sprachschule verbringe ich fast 1,5 Stunden. Einem wird alles gezeigt, die Bücher vorgestellt, die Art des Unterrichts bestimmt. Klingt echt gut und Montag geht es direkt los! Den Abend verbringe ich damit mein Viertel mal etwas genauer abzulaufen. Hier ist echt alles in Laufweite. Bäckereien, Supermärkte, Obsthändler, Kioske, kleine Parks (wo die Chinesen abends tanzen) und vor allem gibt es viel Shanghai Streetfood! Abends zieht dann auch noch Zhou Jin ein und auch sie ist nett. Diesmal schließe ich den Deal: Englisch gegen Chinese Cooking…. Und dann habe ich auch endlich Internet. Der Blog geht online.

 

Sooo für alle, die es bis hierher geschafft haben: Ich werde versuchen den Blog auf wöchentlicher Basis zu aktualisieren. Und keine Angst, nicht jeder Eintrag wird so lang. In diesem Sinne, bis nächste Woche!

Euer Andi aus Shanghai